Bund Deutscher Schriftsteller
und der Angehörigen des herstellenden und verbreitenden Buchhandels
zur Förderung von Literatur, Buch- und Schriftkunst e.V.

BDS-Literaturpreisträgerin 1998: Anja Lundholm

Laudatio auf Anja Lundholm

Der diesjährige Literaturpreis wurde Anja Lundholm, der in Frankfurt a.M. ansässigen bekannten Schriftstellerin, für ihr in 15 Bänden im Rowohlt-Verlag erschienenes Lebenswerk in einer Feierstunde durch die Präsidentin, Frau Renate Stahl, verliehen.

Anja Lundholm wurde bereits mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet und muß als bedeutende Chronistin unseres Jahrhunderts gelten. Sie hat in ihre Literatur das eigene Schicksal eingewoben. Das unterhaltende Genre ihrer Bücher hat jedoch die Erkenntnis des chronistischen Wertes ihres Werkes bislang behindert.

Die Werke sind daher nur noch teilweise im Buchhandel lieferbar. Die Verleihung des Literaturpreises des Bundes deutscher Schriftsteller BDS soll insbesondere auf den zeitgeschichtlichen Wert des Werkes Anja Lundholms und auf den Skandal hinweisen, daß eine hochbetagte Repräsentantin der Literatur des 20. Jahrhunderts in bedrängten Verhältnissen leben muß.

Mit Rücksicht auf die gesundheitlichen Verhältnisse der Schriftstellerin fand die Preisübergabe im kleinen Rahmen in der Wohnung der Preisträgerin statt. Die Präsidentin hielt folgende kurze Ansprache.

Hochverehrte Preisträgerin, geehrte Anwesende!

Der Grad ihrer Bekanntheit steht noch im Gegensatz zur großen Bedeutung der Botschaft Anja Lundholms. In 15 Romanen verarbeitet sie hauptsächlich ihre Autobiographie. Anja Lundholm trägt ein schweres Schicksal aus Verfolgung, KZ-Inhaftierung und persönlichem, familiären Leid.

Anja Lundholm ist dabei unter dem Mantel der Unterhaltungsliteratur ein facettenreiches Bild der Geschichte des 20. Jahrhunderts gelungen. Sie schildert die Menschen und versucht zu verstehen. "Wir haben die menschliche Natur in all ihren Varianten gesehen - und das nimmt die letzten Illusionen", sagt sie in einem Interview.

Die literarische Demaskierung des Bösen fühlt sie erst spät als Auftrag in sich, und sie schreibt - plötzlich. Aber es ist mehr als die Sublimierung der Erfahrungen von roher, sinnloser Gewalt in Ravensbrück. Es ist mehr als das Verarbeitenwollen der Kälte des Vaterhauses. "Man berührt einander nicht, wenn man aus gutem Hause ist, das ist vulgär", sagte der Vater. Anja Lundholm beschreibt in ihrem Roman "Geordnete Verhältnisse", in dem sie ihre Kindheit darstellt, nicht nur die Abgründe im Menschen; sie forscht hier und auch sonst nach den Gefühlen und Gedanken des einzelnen vor dem Hintergrund des kollektiven Grauens. "Der Mensch ist zu allem fähig", ist ihre Botschaft. Vor dem Bühnenbild des Schrecklichen entsteht aber auch eine Anatomie der Menschlichkeit und des Menschseins.

Anja Lundholm hat ihr in außergewöhnlich kräftigen Zügen durchlebtes Leben in die Unterhaltungsliteratur transponiert. Diese künstlerische Verarbeitung hat bislang die angemessene Würdigung des Werkes behindert. Es ist noch nicht ausreichend erkannt, daß Anja Lundholm eine authentische Chronistin ihrer Zeit ist. Daß ihr Werk gleichberechtigt neben dem Zeugnis Victor Klemperers steht.

Der Bund Deutscher Schriftsteller hat daher beschlossen, seinen Literaturpreis 1998 an Anja Lundholm zu verleihen, um in einer Zeit des nationalen Wandels die Mahnung der deutsch-jüdischen Schriftstellerin wieder ins Bewußtsein zu rufen: "Der Mensch ist zu allem fähig. Und er ist beeinflußbar, lenkbar. Das macht Angst. Auch für die Zukunft."

Renate Stahl

Die Präsidentin

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