Bund Deutscher Schriftsteller
und der Angehörigen des herstellenden und verbreitenden Buchhandels
zur Förderung von Literatur, Buch- und Schriftkunst e.V.

BDS-Literaturpreisträgerin 2004: Cornelia Funke

Laudatio auf Cornelia Funke

Verleihung des Literaturpreises des Bundes Deutscher Schriftsteller e.V. an die Kinderbuchschriftstellerin Cornelia Funke während der Frankfurter Buchmesse am 8. Oktober 2004

Literatur für Kinder ist eine Erfindung von Aufklärung und Naturphilosophie, weil das Kind selbst eine Entdeckung dieser Zeit gewesen ist. Aus kleinen Erwachsenen oder Nichtpersonen wurden vor 200 Jahren erstmals Persönlichkeiten mit eigenen, kindlichen Bedürfnissen.

Das Spiel und Widerspiel der dialektischen Kräfte der Geistesgeschichte kann in der Entwicklung der Kinderbuchliteraturen nachvollzogen werden. Soziale, entwicklungspsychologische, naturphilosophische, religiöse und manch andere Imperative haben sich seither abgewechselt, und ihnen kann in den Kinderbüchern nachgespürt werden. Die Suche nach einem ganzheitlichen Weltbild, das uns durch die Reformation verlorenging, ist eine Angelegenheit der Erwachsenen.

Kinder setzen die Erklärbarkeit der Welt und identitätstiftende Zusammenhänge voraus. Es ist vielleicht die wesentliche Herausforderung des Kinderbuchschriftstellers, dieser Erwartung auf eine glaubwürdige Weise gerecht zu werden. Die sittlichen Deutungsmuster wie Freundschaft, Treue, Familie, Ehrlichkeit, gespiegelt in Feindschaft, Untreue, Deviation, Unehrlichkeit sind seit dem Erlöschen des Einflusses der Religionen auf die Kinderbuchliteratur zu den dominierenden Erklärungszielen und Motiven der modernen Kinderliteratur geworden. Diese werden in der jüngeren Zeit den Rezipienten mit fantastischen Stimmungen, magischen Bildern und irrationalen Fantasien vermittelt, die ungemein anziehend wirken. Diese Stilmittel sind aber Rückgriffe der Romantik, die als Unterströmung unser wissenschaftlich-säkulares Menschenbild konterkariert. Sie gehen auf jene seit Jahrhunderten verlorene Vorstellungswelt zurück, in der numinose Mächte in unser Leben real eingriffen. Deshalb steht diese Magierliteratur für Kinder auch außerhalb der tatsächlichen Erfahrungswelt, und die Deutungsmuster, deren Sprache schillernd, aber fremd ist, verblassen, sobald das Leseerlebnis vorüber ist.

Der Hunger nach Fortsetzung und der ausufernde Markterfolg der Magierliteratur zeigt nicht unbedingt an, daß für das kindliche Denken und Entwickeln der Welt substantielle Botschaften vermittelt werden können. Ein "Krabat" von Otfried Preußler ist, obwohl selbst die Magierliteratur präformierend, aber die kindgemäße Funktion eines modernen, guten Kinderbuches nicht überlagernd, folgerichtig nicht in infintum fortgesetzt worden.

Es ist eine wesentliche Leistung von Cornelia Funke, gegen diesen Trend der Magierliteratur eine lebensnahe Kinderbuchliteratur geschaffen und populär gemacht zu haben. Tragende, orientierungstiftende Muster wie Freundschaft, Familie, Rückversicherung werden mit den Staffagen der modernen Welt und mit ganz alltäglichen Helden glaubwürdig vermittelt. In Cornelia Funkes "Tintenherz" verschwindet Elinor in einer Bank und kommt triumphierend mit einer goldenen Kreditkarte zurück. Undenkbar in der bis hierhin vorherrschenden magischen Kinderbuchliteratur, in der die Protagonisten sich überall befinden, nur nicht in der Realität der Leser. Ein besonderes Motiv ist, Angst zu überwinden. Dies gelingt der Autorin, gerade weil sie der Welt die Natürlichkeit beläßt und nicht mit metaphysischen Kräften befrachtet.

Angst ist geistesgeschichtlich ein Phänomen, das uns durch die Romantik und durch deren Rückgriff auf Volkskultur und mittelalterliche Vorstellungswelt in schillernden Farben überkommen ist. Sie ist aber kein organischer Bestandteil unserer lichtvollen aufgeklärten, von naturwissenschaftlichen Axiomen definierten Kultur. Es ist daher kein Zufall, daß Cornelia Funke den Kindern Angst nehmen will, während andere Autoren der Gegenwart ihre Helden vor einem dunklen Abgrund paradieren lassen. "Geschichten können in Bilder kleiden," sagt Cornelia Funke, "was uns erschreckt oder entzückt an der Welt, und es so begreifbar machen, und manchmal können Sie uns daran erinnern, dass es Dinge gibt, die allen Menschen gemeinsam sind, die uns verbinden, auch wenn wir sie für unsere ganz eigenen Ängste oder Hoffnungen halten."

Cornelia Funkes Literatur ist erfahrungsnah, gesellschaftlich verortet, positiv und substanzreich. Cornelia Funke schöpft ihre literarische Kraft aus dem Umgang mit Kindern. Dabei ist sie zunächst Handwerkerin, Technikerin. Sie schreibt für ihre Leser, testet das Geschriebene an ihren Lesern. Es kommt ihr darauf an, eine kindgemäße, nicht unbedingt kindliche Sprache zu verwenden. Sie liest ihre Bücher vor. Das Vorlesen ist ihr wichtige Kulturtechnik. So auch das eigenhändige Illustrieren ihrer Bücher, deren Charme augenfällig ist. Aus dem Handwerk wird aber bei Cornelia Funke ohne Zweifel Kunst.

Es gelingt ihr, ihre Alltagshelden zu glaubwürdigen Hauptfiguren werden zu lassen, "schließlich wären wir das alle gern, Hauptfiguren einer aufregenden Geschichte, natürlich mit glücklichem Ende".
Cornelia Funke bekennt an anderer Stelle unprätentiös, "dass man nur gemeinsam etwas schafft, und dass alles, was man nur für sich alleine macht, eine gewisse Begrenztheit hat, weil man dadurch blind gegenüber bestimmten Sachen ist. Ich glaube sehr an den befruchtenden Einfluss von anderen."

Cornelia Funke ist nicht bloß Geschichtenerzählerin. Sie versteht es, einen Faden einzuweben, der hinter ihren Geschichten liegt. Sie hält es für wichtig, "dass wir der Welt ein berechenbares Muster geben wollen, einen Anfang, ein Ende, einen Sinn". Damit erfüllt sie unseren Kindern das Versprechen der Gegenwart, die erklärbar sein will und dennoch einen Sinn haben muß. Wenn die derzeit am Buchmarkt für Kinderliteratur noch herrschende Strömung mit den Mitteln der Romantik die Begriffe unserer Welt außerhalb unserer Welt ansiedelt, dann kaufen die Eltern für ihre Kinder Unterhaltung, aber nichts darüber hinaus. Die Literatur Cornelia Funkes ist indes die substantielle Antwort einer Kinderbuchschriftstellerin auf die Anforderung des modernen, aufgeklärten Zeitgeistes. Der von den Kindern als wirklich wahrgenommenen inkontingenten Welt prägt sie ein humanes Menschenbild auf.

In der langfristigen Betrachtung der Entwicklung der Kinderbuchliteratur, die, wie unsere gesamte Kultur seit 200 Jahren, zwischen Romantik und Aufklärung changiert, ist davon auszugehen, daß Cornelia Funkes Bücher die romantische Magierliteratur für Kinder ablösen wird. Cornelia Funke hat damit einen bleibenden Beitrag zum Kulturwandel geleistet. Cornelia Funke ist nach Max Kruse die zweite Kinderbuchautorin, die den Literaturpreis des Bundes Deutscher Schriftsteller erhält.

Renate Stahl

Die Präsidentin

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