BDS-Literaturpreisträgerin 2004: Cornelia Funke
Literatur für Kinder ist eine Erfindung von Aufklärung und Naturphilosophie,
weil das Kind selbst eine Entdeckung dieser Zeit gewesen ist. Aus kleinen
Erwachsenen oder Nichtpersonen wurden vor 200 Jahren erstmals Persönlichkeiten
mit eigenen, kindlichen Bedürfnissen.
Das Spiel und Widerspiel der dialektischen
Kräfte der Geistesgeschichte kann in der Entwicklung der Kinderbuchliteraturen
nachvollzogen werden. Soziale, entwicklungspsychologische, naturphilosophische,
religiöse und manch andere Imperative haben sich seither abgewechselt,
und ihnen kann in den Kinderbüchern nachgespürt werden. Die Suche
nach einem ganzheitlichen Weltbild, das uns durch die Reformation verlorenging,
ist eine Angelegenheit der Erwachsenen.
Kinder setzen die Erklärbarkeit
der Welt und identitätstiftende Zusammenhänge voraus. Es ist vielleicht
die wesentliche Herausforderung des Kinderbuchschriftstellers, dieser Erwartung
auf eine glaubwürdige Weise gerecht zu werden. Die sittlichen Deutungsmuster
wie Freundschaft, Treue, Familie, Ehrlichkeit, gespiegelt in Feindschaft,
Untreue, Deviation, Unehrlichkeit sind seit dem Erlöschen des Einflusses
der Religionen auf die Kinderbuchliteratur zu den dominierenden Erklärungszielen
und Motiven der modernen Kinderliteratur geworden. Diese werden in der jüngeren
Zeit den Rezipienten mit fantastischen Stimmungen, magischen Bildern und
irrationalen Fantasien vermittelt, die ungemein anziehend wirken. Diese Stilmittel
sind aber Rückgriffe der Romantik, die als Unterströmung unser
wissenschaftlich-säkulares Menschenbild konterkariert. Sie gehen auf
jene seit Jahrhunderten verlorene Vorstellungswelt zurück, in der numinose
Mächte in unser Leben real eingriffen. Deshalb steht diese Magierliteratur
für Kinder auch außerhalb der tatsächlichen Erfahrungswelt,
und die Deutungsmuster, deren Sprache schillernd, aber fremd ist, verblassen,
sobald das Leseerlebnis vorüber ist.
Der Hunger nach Fortsetzung und
der ausufernde Markterfolg der Magierliteratur zeigt nicht unbedingt an,
daß für das kindliche Denken und Entwickeln der Welt substantielle
Botschaften vermittelt werden können. Ein "Krabat" von Otfried
Preußler ist, obwohl selbst die Magierliteratur präformierend,
aber die kindgemäße Funktion eines modernen, guten Kinderbuches
nicht überlagernd, folgerichtig nicht in infintum fortgesetzt worden.
Es ist eine wesentliche Leistung von Cornelia Funke, gegen diesen Trend
der Magierliteratur eine lebensnahe Kinderbuchliteratur geschaffen und populär
gemacht zu haben. Tragende, orientierungstiftende Muster wie Freundschaft,
Familie, Rückversicherung werden mit den Staffagen der modernen Welt
und mit ganz alltäglichen Helden glaubwürdig vermittelt. In Cornelia
Funkes "Tintenherz" verschwindet Elinor in einer Bank und kommt
triumphierend mit einer goldenen Kreditkarte zurück. Undenkbar in der
bis hierhin vorherrschenden magischen Kinderbuchliteratur, in der die Protagonisten
sich überall befinden, nur nicht in der Realität der Leser. Ein
besonderes Motiv ist, Angst zu überwinden. Dies gelingt der Autorin,
gerade weil sie der Welt die Natürlichkeit beläßt und nicht
mit metaphysischen Kräften befrachtet.
Angst ist geistesgeschichtlich
ein Phänomen, das uns durch die Romantik und durch deren Rückgriff
auf Volkskultur und mittelalterliche Vorstellungswelt in schillernden Farben überkommen
ist. Sie ist aber kein organischer Bestandteil unserer lichtvollen aufgeklärten,
von naturwissenschaftlichen Axiomen definierten Kultur. Es ist daher kein
Zufall, daß Cornelia Funke den Kindern Angst nehmen will, während
andere Autoren der Gegenwart ihre Helden vor einem dunklen Abgrund paradieren
lassen. "Geschichten können in Bilder kleiden," sagt Cornelia
Funke, "was uns erschreckt oder entzückt an der Welt, und es so
begreifbar machen, und manchmal können Sie uns daran erinnern, dass
es Dinge gibt, die allen Menschen gemeinsam sind, die uns verbinden, auch
wenn wir sie für unsere ganz eigenen Ängste oder Hoffnungen halten."
Cornelia
Funkes Literatur ist erfahrungsnah, gesellschaftlich verortet, positiv und
substanzreich. Cornelia Funke schöpft ihre literarische Kraft aus dem
Umgang mit Kindern. Dabei ist sie zunächst Handwerkerin, Technikerin.
Sie schreibt für ihre Leser, testet das Geschriebene an ihren Lesern.
Es kommt ihr darauf an, eine kindgemäße, nicht unbedingt kindliche
Sprache zu verwenden. Sie liest ihre Bücher vor. Das Vorlesen ist ihr
wichtige Kulturtechnik. So auch das eigenhändige Illustrieren ihrer
Bücher, deren Charme augenfällig ist. Aus dem Handwerk wird aber
bei Cornelia Funke ohne Zweifel Kunst.
Es gelingt ihr, ihre Alltagshelden
zu glaubwürdigen Hauptfiguren werden zu lassen, "schließlich
wären wir das alle gern, Hauptfiguren einer aufregenden Geschichte,
natürlich mit glücklichem Ende".
Cornelia Funke bekennt an
anderer Stelle unprätentiös, "dass man nur gemeinsam etwas
schafft, und dass alles, was man nur für sich alleine macht, eine gewisse
Begrenztheit hat, weil man dadurch blind gegenüber bestimmten Sachen
ist. Ich glaube sehr an den befruchtenden Einfluss von anderen."
Cornelia Funke ist nicht bloß Geschichtenerzählerin. Sie versteht es, einen Faden einzuweben, der hinter ihren Geschichten liegt. Sie hält es für wichtig, "dass wir der Welt ein berechenbares Muster geben wollen, einen Anfang, ein Ende, einen Sinn". Damit erfüllt sie unseren Kindern das Versprechen der Gegenwart, die erklärbar sein will und dennoch einen Sinn haben muß. Wenn die derzeit am Buchmarkt für Kinderliteratur noch herrschende Strömung mit den Mitteln der Romantik die Begriffe unserer Welt außerhalb unserer Welt ansiedelt, dann kaufen die Eltern für ihre Kinder Unterhaltung, aber nichts darüber hinaus. Die Literatur Cornelia Funkes ist indes die substantielle Antwort einer Kinderbuchschriftstellerin auf die Anforderung des modernen, aufgeklärten Zeitgeistes. Der von den Kindern als wirklich wahrgenommenen inkontingenten Welt prägt sie ein humanes Menschenbild auf.
In der langfristigen Betrachtung der Entwicklung der Kinderbuchliteratur, die, wie unsere gesamte Kultur seit 200 Jahren, zwischen Romantik und Aufklärung changiert, ist davon auszugehen, daß Cornelia Funkes Bücher die romantische Magierliteratur für Kinder ablösen wird. Cornelia Funke hat damit einen bleibenden Beitrag zum Kulturwandel geleistet. Cornelia Funke ist nach Max Kruse die zweite Kinderbuchautorin, die den Literaturpreis des Bundes Deutscher Schriftsteller erhält.
Renate Stahl
Die Präsidentin